Der Matilda Effekt – Illustrative Entwürfe zur Aufarbeitung von Bildlücken und Gender-Diskriminierung in der Wissenschaftsgeschichte
Obwohl das Mitwirken von weiblich-gelesenen Forschungspersonen bis zum Beginn der Wissenschaftsgeschichte zurückreicht, sind deren institutionelle und soziale Akzeptanz und ihre repräsentative Dokumentation eine Leerstelle. Solche Diskrepanzen und Diskriminierungsmuster sind tief in der Wissenschaftsgeschichte und in unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung von Forschungspersonen verankert und werden heute mit dem Begriff „Matilda-Effekt“ beschrieben. Dieser umfasst die Diskriminierung und Unsichtbarmachung von Frauen (und weiblich-gelesenen und -identifizierten Personen) in der Wissenschaft, deren Leistungen oft männlichen Kollegen zugeschrieben und dadurch nicht oder nur unzureichend anerkannt werden.[1] Dies schließt auch die Negierung weiblicher Forschungspersonen durch die Zuschreibung von einschränkenden Geschlechterrollen und verringerter Handlungsmacht über ihre Forschungspraxis ein, wie auch ihre Medien- und Archivdarstellung. Der Zugang und die Art und Weise, in der Forscher*innen in wissenschaftlichen Archiven aufbewahrt sind bestimmt im Sinne der Public History noch heute unser Bild von Wissenschaftler*innen. Diese „Unsichtbarmachung“ ist kein Zufall, sondern Teil struktureller Prozesse, die eng mit patriarchalen und machtpolitischen Mechanismen verflochten sind.
Theoretische Forschung als gestalterische Grundlage
Vor dem Hintergrund dieser Unsichtbarmachung habe ich mich als Illustratorin gefragt, inwiefern Illustration als Medium der „Sichtbarmachung“ funktionieren kann: Wie kann Bildsprache das Übersehene in Sichtbares übersetzen? In Anbetracht der historischen Fehlrepräsentation von Forscherinnen müssen existierende (Bild-)Darstellungen kritisch hinterfragt werden: Wer wird wie dargestellt, wer nicht? Wer hat diese Bildmedien gestaltet und in bzw. mit welchem Auftrag?
Welche Bilder dokumentieren die Wissenschaftsgeschichte und somit die gesellschaftliche Vorstellung einer Forschungsperson? Anhand bisheriger Darstellungen in der Wissenschaftsgeschichte ist das gängige (historische) Bild einer wissenschaftlich arbeitenden Person überwiegend männlich konnotiert bzw. gelesen. Diejenigen Forscherinnen, die historisch dokumentiert wurden, wurden meist Gender-kodiert als Einzelfälle mit familiärem Bezug durch wissenschaftlich arbeitende Ehepartner, Brüder oder Väter, als hübsche Pionierinnen und „Lady Scientists“ ohne intellektuelle Eigenständigkeit dargestellt. Beispielsweise gibt es von der Mathematikerin, Astronomin und Philosophin Theano von Kroton (spätes 6. Jahrhundert v. Chr.) keine Darstellungen ihrer wissenschaftlichen Arbeitspraxis ohne den Bezug zu ihrem Partner Pythagoras. Stattdessen zeigen Bilder sie als idealisierte, Pythagoras zuhörende Schönheit.[2] Forscherinnen wie die „ENIAC Six“, Informatikerinnen, die 1945–1955 am ersten digitalen Großrechner arbeiteten, wurden durch Presse und Bildmedien vielfach namentlich und in Bezug zu ihrer jeweiligen Forschungsposition vertauscht und somit entindividualisiert und nicht selten sexualisiert als Trope oder modellhafte Quotenfrauen eingesetzt.[3] Die Unzuverlässigkeit solcher Quellen zeigt die Dringlichkeit der Berichtigung und Re-Individualisierung dieser Forscherinnen auf.
Mein Projekt behandelt exemplarisch die Geschichten von 13 Forscherinnen und einer Forschungsgruppe im Zeitraum von der Antike bis in das 20. Jahrhundert, die vom Matilda-Effekt betroffen sind. Es zielt darauf ab, diese als Individuen und in Bezug zu ihrer Forschung retrospektiv sichtbar zu machen. Methodisch habe ich mit einer Literatur- und Archivrecherche begonnen (z. B. Science History Institute Philadelphia, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte), um den bisherigen (Miss-)Stand der weiblichen Bildrepräsentation in der Wissenschaftsgeschichte zu ermitteln. Theoretisch lässt sich meine Forschung durch die soziologischen Perspektiven von Margaret Rossiter[4], Bruno Latour[5] und Michel Foucault[6] untermauern.[7] Außerdem habe ich Expert*innen-Interviews mit Forscher*innen und Künstler*innen aus den Bereichen Wissenschaftsgeschichte, Gender Studies und angewandten Künsten (Bilderinstitut Berlin, Deutsches Museum München) geführt.
Gestalterische Umsetzung der Portraits
Aus dieser Recherche ist eine Serie von Linolschnitt-Portraits entstanden, welche die Forscherinnen in direktem Bezug zu ihrem jeweiligen Forschungsinhalt bzw. ihrer Praxis zeigen. Kompositorisch sind diese in Portrait und Rahmen aufgeteilt, um Ebenen der Innen- und Außenwahrnehmung darzustellen. Außerdem spielt diese (Darstellungs-)Praxis auf die Tradition niederländischer Porträtmalerei des 16. Jahrhunderts an, in der die Porträts mit opulenten Rahmen als repräsentatives Mittel des professionellen Status wirkten. Diese Rahmen werden nun den Frauen gegeben, die zuvor ausgelassen oder verzerrt dargestellt wurden.
Um die Fülle an Informationen in diesen Bildern zur Ruhe zu bringen, sind diese mit klaren Linienzeichnungen und einem wiederkehrenden Spiel mit Kontrasten der Positiv- und Negativ-Zeichnung aufgebaut. Die Forschungsinhalte werden fast ikonographisch aufgezeigt, wie ein Tableau angeordnet und schriftlich benannt, sodass auch Betrachter*innen ohne naturwissenschaftliche Ausbildung die Person und ihre Arbeit zuordnen können. Die Vielfalt und Anzahl, sowohl in den rahmenden Bildkacheln, als auch in der Zusammenstellung der Bildserie, sollen darauf aufmerksam machen, welch vielseitige Beiträge Forscherinnen im Laufe der Wissenschaftsgeschichte geleistet haben. Die Reduktion auf eine Farbe signalisiert die Vereinigung von Persönlichem und Wissenschaftlichem und die Stärke des Farbkontrasts stellt die Forscherinnen als stark und entschlossen dar. Des Weiteren akzentuiert das binäre Schwarz-Weiß-Farbschema das Beleuchtete und das Unbeleuchtete, das Gesehene und das Ungesehene.
Hinsichtlich dieser stilistischen Entscheidungen habe ich diese Entwürfe als Linoldrucke konzipiert. Hochdrucktechniken wie Linoldruck spielten historisch eine zentrale Rolle in der Kultur- und Wissensvermittlung. Sie ermöglichten etwa im Buchdruck und in der Plakatkunst die analoge Vervielfältigung von Bildern und Texten, welches die Verbreitung von Informationen und künstlerischen Darstellungen erleichterte. So wurden wissenschaftliche und kulturelle Inhalte in Momenten gesellschaftlicher Transformation breiter zugänglich gemacht.[8] Außerdem trägt Hochdruck zur Vermittlung komplexer Inhalte bei, indem er eine klare, kontrastreiche Bildsprache fördert, die informationelle Zugänglichkeit unterstützt. Ein solcher Kontrast entsteht durch das Aussparen des Materials, wodurch im Druck ein Wechselverhältnis von Hell und Dunkel erwächst. Durch das Wegschneiden des Materials werden die Bilder erst zum Vorschein gebracht.
Ein weiterer ästhetischer Einfluss des Linols ist der Materialwiderstand, der im Schnitzen die Kontrolle und die Feinheit der Bildsprache einschränkt. Insofern bedingt die Materialität auch Grenzen der „perfekten“ und der „schönen“ Darstellung. Dies ist in der Verarbeitung der präzisen Skizzen als Linolschnitte hilfreich, da ich selbst auch nicht komplett frei bin von patriarchalen Sehgewohnheiten und der unterbewussten Tendenz, Personen schmeichelhaft darzustellen, um sie zu würdigen. Insofern bedingt schließlich der Widerstand des Linols die Formbewegung des Bildes und bringt eine ganz eigene, weniger „liebliche“ Ästhetik zu den Entwürfen.
Bildentwürfe als Doing History
Als Kritik an geschlechtsspezifischen Posen und als Kommentar des Konflikts von Schönheit und Seriosität, werden die Wissenschaftlerinnen als aktive Mitglieder ihres wissenschaftlichen Feldes illustriert, ohne sie auf Weiblichkeit zu reduzieren. Die Forscherinnen werden im realen Alter zum Zeitpunkt ihrer Forschungsarbeit gezeigt und nicht möglichst attraktiv oder jung illustriert. Außerdem werden sie im Kontext ihrer Forschung als Individuen und ohne den Bezug zu ihren männlich-gelesenen Kollegen und Familien Mitgliedern dargestellt. Beispielsweise wurde die Biochemikerin Gerty Cori selten allein dargestellt. Laborfotografien zeigen sie stets zusammen mit ihrem Ehemann Carl, wobei dieser oft dominant neben der sitzenden Gerti steht und ihr prüfend über die Schulter schaut.[9] Diese Bildsprache spiegelt traditionelle, binäre Geschlechterrollen wider: Der Mann leitet und lehrt, die Frau assistiert und lernt. Meine Entwürfe sollen diese hierarchischen Bilder dekonstruieren.
Ein weiterer Aspekt ist, dass die Wissenschaftlerinnen nicht als außergewöhnliche, isolierte Genies dargestellt werden – daher auch ohne akademische Titel – , sondern als Teil einer Bildreihe mit der auf inklusives, kollektives Forschen hingewiesen werden soll.

Abb. 5.: Linoldruck Mary Maynard Daly. Quelle: Johanna Lee Glover, 2025.
Fazit
Bilder können eine zentrale Rolle darin spielen, Lücken und Gender-Diskriminierung in der Wissenschaftsgeschichte sichtbar zu machen und unser Verständnis von Forschungspersonen nachhaltig zu prägen: Die Illustration regt dazu an, das Potential der Sichtbarmachung marginalisierter Forschungspersonen, die Dekonstruktion normativer Wissenschaftsbilder und die Hinterfragung von Gender-Stereotypen zu ermöglichen. Darüber hinaus eröffnet sie den Zugang zu visuellen Methoden der inklusiven Wissenschaftsvermittlung. Die Bildebene birgt das Potenzial einer neuen Inklusion in der Repräsentation von historischen Forschungspersonen und deren Archivierung und kann dazu beitragen, das Bild von Wissenschaftlerinnen diverser zu gestalten. Wissenschaftlerinnen werden auf diese Weise für kommende Generationen potenziell sichtbarer und können auch als Vorbild im sprichwörtlichen Sinn wirksamer werden.
Johanna Lee Glover
Anmerkungen
[1] Dieses Phänomen wurde erstmals 1870 von der Abolitionistin und Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage (1826-1898) in ihrem Essay „Woman as Inventor“ festgestellt. Der Begriff Matilda-Effekt wurde erst jedoch im Jahr 1993 von der Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter (*1944) geprägt.
[2] Howard, Sethanne. (1998) „The Hidden Giants: Women Hold Up Half the Sky : 4,000 Years of Women in Science and Technology’’. In: International Amateur-Professional Photoelectric Photometry Communication, No. 72.
[3] Barkley, Fritz W. (1996) „The Women of ENIAC.’’ In: IEEE Annals of the History of Computing 18/3.
[4] Rossiter, Margaret W. (1997) „Which Science? Which Women?’’ In: Osiris 12 (Themenheft: Women, Gender, and Science: New Directions).
[5] Latour, Bruno. (2005) „Reassembling the Social: An Introduction to Actor-Network-Theory’’. Oxford.
[6] Foucault, Michel. (1978) „Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit’’. Berlin (Neuaufl. 2000).
[7] Latours Actor-Network-Theory beschreibt die Intersektionalität von Wissen und Wissensträger*innen/-schaffenden. Foucaults Begriff des Dispositivs beleuchtet die Macht des Wissens als Geflecht aus Diskursen, Institutionen, Praktiken, Gesetzen, wissenschaftlicher Erkenntnis etc., das dazu dient, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu strukturieren. Er organisiert was gesagt, gedacht und gewusst werden kann – und von wem. Dies bietet ein wirkungsvolles Argument für die Relevanz inklusiver Wissenschaftsvermittlung und Geschichtsschreibung. Im Zuge der Recherche wird reflektiert, wie Forscherinnen besser repräsentiert werden können und inwiefern durch Illustration der Begriff einer Forschungsperson intersektional aufgearbeitet werden kann.
[8] Ivins, William Jr. (1953) „Prints and Visual Communication’’. Cambridge.
[9] Scientific Biographies, Carl Ferdinand Cori and Gerty Theresa Cori. (2025) Science History Institute.
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Johanna Lee Glover (20. Mai 2026). Der Matilda Effekt – Illustrative Entwürfe zur Aufarbeitung von Bildlücken und Gender-Diskriminierung in der Wissenschaftsgeschichte. doing | public | history. Abgerufen am 17. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/168wp


