Wer darf Geschichte erzählen? Der Streit um Neuausrichtung und koloniales Erbe im Übersee-Museum Bremen
Am 17. September 1979 veröffentlichte die Bremer Tageszeitung Weser-Kurier einen Leserbrief unter der Überschrift „Glanztat“. Darin reagierte ein Bürger auf die kurz zuvor abgeschlossene Neukonzeption des Übersee-Museums Bremen und formulierte scharfe Kritik an dessen neuer Ausrichtung: „Herzlichen Glückwunsch an Dr. Ganslmayr. Er hat das Museum nicht nur entstaubt, er hat es schlichtweg umgebracht. Was ich vorfinde, ist eine sterile Informationsschau, dazwischen ein paar alte Stücke. […] Und das für runde 20 Millionen.“[1]
Die Kritik richtete sich dabei unmittelbar an Herbert Ganslmayr (1937–1991), einen gebürtigen Franken, der 1975 im Alter von gerade einmal 38 Jahren Direktor des Übersee-Museums geworden war und dort mit überkommenen museumsethnologischen Traditionen brach. Als Vertreter einer jüngeren, reformorientierten Generation hob er sich damit deutlich von anderen Museumsdirektoren der BRD und DDR ab – nicht zuletzt deshalb, weil er als erster deutscher Museumsdirektor öffentlich für die Rückgabe von Kulturgütern an ihre Herkunftsgesellschaften eintrat.
Doch wie konnte die Neuausrichtung des Museums eine derart polemische Leserbrief-Reaktion hervorrufen? Und was verrät ein solcher Konflikt darüber, welche Erwartungen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen an Museen richten? Oder eher: Wessen Perspektive wurde im Museum zur Geschichte und wessen blieb unsichtbar?
Museen erzählen Geschichte. Aber welche?
Das Bremer Drei-Sparten-Haus war bis Ende der 1970er-Jahre vor allem für seine szenografischen Präsentationen aus den Bereichen „Völker-, Natur- und Handelskunde“ bekannt, die unter dem vom Gründungsdirektor Hugo Schauinsland (1857–1937) formulierten Leitbild „Die ganze Welt unter einem Dach“[2] operierten. Die traditionelle Bremer Ausstellungsgestaltung in Form eines „lebhaften und anschaulichen dreidimensionalen Bildes der dargestellten Kulturen mit Häusern in verkleinertem Maßstab, lebensgroßen Figuren und echten Pflanzen“[3] – damals als „Schaugruppen“ bezeichnet – genoss mit über 500.000 Besuchenden pro Jahr eine bemerkenswerte Publikumswirksamkeit und verhalf dem Museum zu nationaler Berühmtheit.

Abb. 1: Schüler im Lichthof des Museums, in den 1930er-Jahren. Historisches Bildarchiv, Übersee-Museum Bremen.
Doch diese Inszenierungen waren mehr als bloße Unterhaltung: Die bewusst exotisierenden Personendioramen, die außereuropäische Gesellschaften darstellen sollten, versetzten das Publikum gleichsam in medias res und erzeugten den Eindruck eines unmittelbaren Eintauchens in vermeintlich ‚fremde‘ Lebenswelten. Sie funktionierten als Manifestation eines globalen, von Europa dominierten Ordnungsdenkens, das die Welt nach europäischen Kategorien strukturierte und Gesellschaften in ein hierarchisches, auf Fortschritt und Entwicklung ausgerichtetes Stufenmodell einordnete – ein Muster, das sich in den damalig äußerst populären ethnologischen Museen wiederfindet.
Öffentliche Geschichtsproduktion
Die Gründung des Übersee-Museums im Jahr 1896 war kein Zufall, sondern eng mit Bremens Rolle als Hanse- und Hafenstadt verbunden: Über Schiffe, Handelswege und koloniale Netzwerke gelangten jene Dinge in die Stadt, die heute noch in den Ausstellungen zu sehen sind oder in den Magazinen und Depots lagern. Viele dieser Stücke stammten als Schenkungen von Kaufleuten, Seeleuten sowie Personen aus Diplomatie und Militär, die in koloniale Unternehmungen eingebunden waren. Andere ließ das Museum gezielt anfertigen, darunter einige der ausgestellten Personendioramen. Sie wurden eigens vor Ort in den Kolonien hergestellt und anschließend mit Schiffen des ortsansässigen Norddeutschen Lloyds nach Bremen transportiert. Im Wettbewerb mit anderen Städten und im Sinne eines Anspruchs auf vermeintliche Vollständigkeit ging es dabei darum, möglichst schnell ‚besondere‘ und ‚bessere‘ Stücke zu sammeln und der Bevölkerung zu präsentieren.
Welche Wege die einzelnen Dinge dabei genommen haben, lässt sich heute – aufgrund lückenhafter Dokumentationen und der Zerstörungen des Museums im Zweiten Weltkrieg – in vielen Fällen nicht mehr nachvollziehen. Dabei beginnt die Geschichte einer Sammlung nicht erst an der Museumstür, sondern viel früher: nämlich dort, wo über Besitz entschieden wurde, etwa durch Kauf und Tausch, Schenkung und Täuschung, aber auch durch Enteignung und Diebstahl. Was schließlich in Bremen ankam, war kein neutrales Abbild der Welt an sich, sondern das Ergebnis gezielter Entscheidungen darüber, was seinerzeit als ‚sammelwürdig‘ und ‚bewahrenswert‘ galt.
Den Menschen und Gemeinschaften, aus deren Lebenszusammenhängen diese Dinge stammten, wurde hierbei in aller Regel kein Raum für Mitsprache geboten. Vielmehr wurde ihr Eigentum aus den sozialen und kulturellen Zusammenhängen gelöst und in eine museale, und damit neue, Ordnung überführt. Aus Dingen mit eigenen Geschichten und Bedeutungen wurden Exponate: hinter Glas, an der Wand und versehen mit Beschriftungen, die festlegten, wie sie gesehen und verstanden werden sollten.
Bremen als Konfliktfall
Die Neukonzeption des Übersee-Museums in den 1970er-Jahren fand im Zusammenspiel mit einer umfassenden Sanierung des historischen Museumsgebäudes statt. Ganslmayr verstand es, den kulturpolitischen Konkurrenzdruck Bremens für sich zu nutzen und das Bremer Haus in einer Zeit neu zu konzipieren, in der zunehmend ins Bewusstsein rückte, dass die Lebensbedingungen verschiedener Gesellschaften nicht unabhängig voneinander gedacht werden konnten, sondern durch globale Verflechtungen und gemeinsame Herausforderungen miteinander verbunden waren. Drei Jahre blieb das Museum hierfür geschlossen; die Sanierung kostete beinahe 21 Millionen DM. Die Dauer der Schließung und die hohen Sanierungskosten waren dabei nicht unumstritten und wurden in der Bremer Öffentlichkeit kritisch diskutiert. Auch parteipolitisch sorgte das Museum für Kontroversen. Während die SPD-geprägte Bremer Politik eine stärker gegenwartsbezogene und international ausgerichtete Kulturpolitik unterstützte, in die auch Ganslmayrs Verständnis von Museumsethnologie und kultureller Entwicklungszusammenarbeit passte, kritisierte die CDU den starken Fokus auf die ‚Völkerkunde‘, durch den die Heimat- und Handelskunde an den Rand gedrängt würden.

Abb. 2: Das Übersee-Museum wird ausgeräumt, 1975. Historisches Bildarchiv, Übersee-Museum Bremen.
Geschichte machen
Ganslmayr seinerseits stritt lautstark auf UNESCO- und ICOM-Tagungen für seine Position und entwickelte das Übersee-Museum zu einem kulturpolitischen Zentrum weiter. Ethnologische Museen sollten in seinen Augen als Bühne für diejenigen fungieren, die dort zuvor ungefragt ausgestellt worden waren. Damit war die Neukonzeption unmittelbar mit einer Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe des Museums verbunden: Sie sollte jene Ausstellungspraxis überwinden, in der außereuropäische Kulturen als ‚fremd‘ und vermeintlich zeitlos präsentiert und dadurch koloniale Vorstellungen stetig für neue Generationen von Besuchenden reproduziert wurden.
Die Neukonzeption zielte folglich nicht nur auf eine zeitgemäßere Form der Vermittlung, sondern auf eine grundlegende Veränderung der Art und Weise, wie und in welchen Zusammenhängen außereuropäische Gesellschaften und ihre kulturellen Zeugnisse im Museum präsentiert wurden. Die Exponate blieben dabei zwar zentral, wurden jedoch nicht mehr in derselben Inszenierungsdichte präsentiert. Stattdessen rückten, typisch für die 1970er-Jahre und die zeitgenössischen Debatten um „Lernort contra Musentempel“[4], erklärende Ausstellungstexte, museumspädagogische Angebote und alternative Formen der Vermittlung stärker in den Vordergrund. An die Stelle der unmittelbaren, häufig exotisierenden Wirkung der früheren Inszenierungen trat damit eine kontextualisierte und kritischere Auseinandersetzung. Wie stark die frühere Gestaltung die Museumserfahrung prägte, zeigen auch die Erinnerungen des ehemaligen Publikums. Eine Person beschreibt ihren Museumsbesuch in der Kindheit als „Blick in eine andere Welt“ und erinnert sich an Palmen, exotische Gewächse, Hütten aus der Südsee und Figuren, die „erstaunlich echt“ aussahen: „Ich hätte stundenlang einfach nur schauen können.“

Abb. 3: ‚Hausmodell‘ im Übersee-Museum Bremen, 1970/80er-Jahre. Historisches Bildarchiv, Übersee-Museum Bremen.
Letztlich ging es um die Frage, welche Geschichte(n) Bremen durch sein Museum von sich selbst erzählen wollte: Eine von Seefahrt und Handel geprägte Erzählung bürgerlicher Weltoffenheit, in der koloniale und globale Machtverhältnisse weitgehend ausgeblendet blieben? Oder sollte diesem weit verbreiteten Selbstbild nicht besser eine andere Geschichte entgegengestellt werden, die – und das war das Ziel Ganslmayrs – auch nach den Machtverhältnissen hinter Bremens Verflechtungen mit der Welt fragte? Nach der Wiedereröffnung zeigte sich das Museum in vielerlei Hinsicht kaum noch wiedererkennbar. Die Neukonzeption wurde dabei keineswegs ausschließlich kritisch aufgenommen. So erinnert sich eine andere Besucherin rückblickend: „Die Besuche im Überseemuseum haben seit den 70er Jahren meine Reiselust entfacht.“ Ihre späteren Reiseerfahrungen habe sie anschließend im Museum „vertiefen und korrigieren“ können: „Das ist eine wertvolle Hilfe.“
Schluss
Insbesondere aus einer Public-History-Perspektive zeigt sich, dass Museen nicht nur Geschichte bewahren und vermitteln, sondern als öffentliche Räume immer wieder neu zur Verhandlung darüber beitragen, welche Vergangenheit sichtbar werden soll und auf welche Weise sie erzählt wird. Der eingangs zitierte Leserbrief ist vor diesem Hintergrund weit mehr als eine persönliche Meinungsäußerung, verweist der dortige Vorwurf, das Übersee-Museum sei zu einer „sterile[n] Informationsschau“ geworden, doch auf eine zentrale Spannung der Neukonzeption: Welche Geschichte erzählt wird und welche Deutungen dabei Geltung beanspruchen können, entscheidet sich nicht allein an den Ausstellungstexten, sondern ebenso daran, wie das Gezeigte ausgewählt und inszeniert wird – und damit auch, wie Vergangenheit wahrgenommen und verstanden wird und welche persönlichen Eindrücke ein Museumsbesuch hinterlässt.
Vivien Weber
[1] Engelbart, R. (1979, 17. September). Leserbrief/Glanztat. Weser-Kurier, 216, S. 7. – Die Grundlage dieses Beitrags bilden Recherchen aus meiner Bachelorarbeit.
[2] StA Bremen. 4,111 – 8,309. Mitteilungen der Pressestelle des Senats der Freien Hansestadt Bremen. 3. Ausgabe. 09. Oktober 1972. „Dr. Abel: Übersee-Museum soll ‚Museum der dritten Welt‘ werden – Abkehr von der Idee, „die ganze Welt unter einem Dach zu zeigen.“
[3] Ahrndt, W. et. al. (2019). Spurensuche-Geschichte eines Museums. Übersee-Museum Bremen. S. 134.
[4] Spickernagel, E., & Walbe, B. (1976). Lernort contra Musentempel. Gießen: Anabas.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Vivien Weber (8. September 2026). Wer darf Geschichte erzählen? Der Streit um Neuausrichtung und koloniales Erbe im Übersee-Museum Bremen. doing | public | history. Abgerufen am 17. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16qo4

Am aufschlussreichsten scheint mir der Leserbrief von 1979. Für rund 20 Millionen Mark erwartete man offenbar wenigstens, dass das Fremde weiterhin ordentlich fremd aussah. Palmen, Hütten, lebensgroße Figuren – Weltgeschichte hatte schließlich auch einen Unterhaltungsauftrag.
Dann kamen Texte, Zusammenhänge und die lästige Frage, wie all diese Dinge überhaupt nach Bremen gelangt waren. Das musste zwangsläufig steril wirken. Sobald ein Exponat eine Herkunft, einen Besitzer und womöglich sogar eine problematische Erwerbsgeschichte bekommt, verliert es erheblich an dekorativer Unschuld.
Vielleicht liegt darin das eigentliche Museumsproblem: Solange Geschichte hübsch arrangiert hinter Glas steht, gilt sie als Bildung. Sobald sie anfängt, Fragen an die Betrachter zu stellen, wird über die Eintrittspreise und die Baukosten gesprochen. 🦌
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Ulrike Stockhausen (Community Management von de.hypotheses)